Eine Weltklasse-Fechterin über kleine Erfolge und den Weg, bei sich zu bleiben
Als sie den Grand Palais betritt, ist da vor allem dieses eine Gefühl: Jetzt ist es real. Um sie herum eine volle, laute Arena, tausende Zuschauer – das größte Sportereignis der Welt.
»Ich hätte in dem Moment keine Frage beantworten können«, sagt Anne Kleibrink später. »Man sieht es auch in meinem Gesicht – ich war einfach geflasht.« Es ist der Moment, auf den sie lange hingearbeitet hat – vielleicht sogar ihr ganzes Leben lang.

Mehr als Medaillen
Anne Kleibrink gehört zu den besten Fechterinnen Deutschlands, steht in den Top 16 der Weltrangliste und ist bei den Sommerspielen in Paris angetreten. Sie selbst sieht sich anders: »Ich bin ein totaler Familienmensch«, sagt sie. »Sehr positiv, abenteuerlustig. Ich habe einfach Bock aufs Leben.«
Fechten ist für sie längst mehr als ein Sport. Es ist Beruf, Leidenschaft und eine Art Lebensschule. »Ich wäre nicht der gleiche Mensch ohne das Fechten. Es hat mir so viel gegeben: Reisen, andere Kulturen kennenlernen, immer wieder an meine Grenzen zu kommen und mich selbst immer wieder neu kennenzulernen.«
Ein Jahr unter Beobachtung
Die Qualifikation für die Sommerspiele hat sich über ein Jahr hingezogen. Turniere fanden im Abstand weniger Wochen statt: Weltcups, Grand Prix, Europa- und Weltmeisterschaften. „Die Ergebnisse fließen in eine Rangliste ein, die jederzeit einsehbar ist.
»Du kannst jeden Tag auf die Weltrangliste schauen«, sagt sie. »Du siehst genau, wer deine Konkurrenz ist. Du fängst an zu rechnen. Und das macht Druck.« Am Ende bleibt nur eine Frage: Qualifikation geschafft oder nicht. Anne kennt beide Seiten.
Die Qualifikation für Paris empfindet sie als ihre bislang größte Herausforderung. »Du musst über ein ganzes Jahr besser sein als die anderen. Nicht nur einmal, sondern konstant.«
Was ihr geholfen hat, ist, den Blick bei sich selbst zu halten. Nicht auf die anderen schauen, sondern sich auf den eigenen Ablauf, den nächsten Kampf, den nächsten Schritt konzentrieren. Und auf dem Weg zum Ziel immer wieder die kleinen Erfolge sehen und feiern. Und als die Qualifikation schließlich feststeht, fällt alle Anspannung schlagartig ab.
Credit: A.Bizzi/FIE
Der Absturz nach dem Höhepunkt
Nach den Sommerspielen steht erst einmal nichts an. Stattdessen eine Operation am Sprunggelenk und eine Phase ohne Wettkämpfe.
»Es war FOMO«, sagt sie. »Die Angst, alles zu verlieren.«
Während sie pausieren muss, verschieben sich die Weltranglistenplätze. Trainingsroutinen brechen weg. Vieles, was zuvor stabil wirkte, erscheint plötzlich unsicher. »Du weißt, du wirst Wettkämpfe verpassen. Du wirst abrutschen. Und du kannst nichts dagegen tun.« Die größte Angst dabei ist: Nicht mehr zurückzukommen, es nicht mehr auf das frühere Niveau zu schaffen.
Der Moment, in dem der Kopf entscheidet
In der Reha gibt es einen Moment, der für sie rückblickend sehr in Erinnerung bleibt. Eine einfache Übung: von einem niedrigen Hocker springen. Physisch ist das keine große Sache. Mental schon.
Step-Aerobic-Höhe, also kein großes Hindernis. Und trotzdem steht Anne drauf und kann nicht mit beiden Beinen runterspringen. »Ich dachte wirklich: Ich kann das nicht.« Ihre Therapeutin widerspricht: »Du springst da jetzt runter. Ich weiß, dass du das kannst, und du weißt es auch.« Anne springt. Einmal, dann noch einmal und immer wieder. Der Fuß hält, undplötzlich ist die Angst weg. »Das war wie ein Befreiungsschlag im Kopf, eine mentale Hürde, die sich gelöst hat.« Von da an geht es wieder vorwärts.

Zurück auf die Planche
Sechs Monate später startet Anne wieder international. Beim Weltcup erreicht sie das Viertelfinale. Ihre Gegnerin ist die amtierende Olympiasiegerin. Der Kampf ist eng, ein einzelner Treffer entscheidet. Anne verliert – »Eine Nuance«, sagt sie.
Es ist genau dieser Moment, der zeigt: Sie ist zurück. Noch nicht perfekt. Aber schon wieder auf Augenhöhe mit der Weltspitze.
Erfolg, neu definiert
Lange Zeit war für Anne Erfolg ein klar umrissenes Ziel, das man erreicht oder nicht. Heute sieht sie das anders.
Die Teilnahme bei den Sommerspielen passt in dieses Schema: ein Lebenstraum, den sie sich erfüllt hat. Mit Abstand verschiebt sich der Blick. Wichtiger als einzelne Ergebnisse ist für sie heute die Kontinuität ihrer Leistung. »Mein größter Erfolg ist eigentlich, dass ich über so viele Jahre konstant in den Top 16 der Welt bin«, sagt sie.
In diesem Satz steckt mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Es geht nicht um einen Augenblick, sondern um Beständigkeit. Um all die Tage dazwischen, die niemand sieht. Um Disziplin, Rückschläge, Zweifel – und darum, trotzdem immer wieder zurückzukommen.
Credit: A.Bizzi/FIE
Rückblick und Ausblick
Wenn Anne auf die letzten Jahre zurückblickt, denkt sie weniger an einzelne Wettkämpfe oder Ergebnisse als an ihren Weg. Vor allem an die Entscheidung, den Aufwand durchzuhalten. Dazu gehört auch das Jahr, in dem sie alles auf die Qualifikation für Paris ausgerichtet hat – ein Jahr voller Verzicht, Zweifel und klarer Prioritäten. »Ich habe wirklich alles reingesteckt«, sagt sie. »Und dass ich das so durchgezogen habe – darauf bin ich am meisten stolz.«
Was bleibt, ist genau das: die Bereitschaft, alles zu geben, und der bewusste Umgang mit dem eigenen Einsatz – »sich öfter mal selbst auf die Schulter zu klopfen.«
Und dann ist da noch dieser nächste Traum. Die Spiele in Los Angeles im Jahr 2028. Ein Ziel, das für sie schon jetzt Kontur annimmt. »Ich will das noch einmal erleben«, sagt sie. Gemeint ist diese besondere Energie, wenn die besten Athletinnen und Athleten der Welt an einem Ort zusammenkommen.